Crunchyroll unter britischer Medienaufsicht

Crunchyroll unter britischer Aufsicht

Der britische Außenminister hat bekannt gegeben, dass Abrufdienste mit mehr als 500.000 Nutzern im Vereinigten Königreich – sogenannte „Tier 1 on-demand programme services“ – neuen Regulierungen unterworfen werden. Diese sollen „das Publikum vor schädlichen und beleidigenden Inhalten schützen“ und Bereiche wie „Privatsphäre, Fairness sowie angemessene Unparteilichkeit und Genauigkeit in den Nachrichten“ abdecken.

Betroffen sind unter anderem die US-amerikanische Anime-Plattform Crunchyroll, sowie Netflix, Disney+ und Amazon Prime Video. Nicht betroffen ist hingegen HIDIVE, da der Dienst weniger als 500.000 Nutzer im Vereinigten Königreich hat.

Die erwarteten Änderungen für Tier 1-Plattformen

Zusammenfassend hängt die Zukunft von Plattformen wie Crunchyroll maßgeblich davon ab, wie Beschränkungen für Inhalte umgesetzt werden, die „die körperliche, geistige oder sittliche Entwicklung von Personen unter 18 Jahren beeinträchtigen könnten“.

Zudem müssen die Plattformen sicherstellen, dass:

  • mindestens 80 % des Gesamtkatalogs untertitelt sind,
  • 10 % über eine Audiobeschreibung verfügen,
  • 5 % in Gebärdensprache verfügbar sind.

Plattformen werden ferner dazu angehalten, ihre Dienste kontinuierlich barrierefreier für Menschen mit Behinderungen zu gestalten.

Die Reaktion von Crunchyroll und die Nutzerzahlen

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Anime Corner hat Crunchyroll bezüglich ihrer Positionierung kontaktiert – insbesondere dazu, ob Inhaltsänderungen oder Altersverifikationsmaßnahmen zu erwarten sind. Eine Antwort steht noch aus.

Obwohl Crunchyroll keine länderspezifischen Nutzerzahlen veröffentlicht, gab Sony bekannt, dass die Plattform 2024 weltweit über 130 Millionen registrierte Nutzer hatte (davon über 15 Millionen zahlende Abonnenten; aktuell sind es über 17 Millionen). Crunchyroll-CEO Rahul Purini erklärte im Mai letzten Jahres, dass das Vereinigte Königreich zu den Top-10-Märkten gehört.

Anmerkung der Redaktion: Die Annahme, das Vereinigte Königreich habe weniger als 500.000 Nutzer, während es gleichzeitig ein Top-10-Markt ist, wäre absurd. Bei 5,5 Milliarden gestreamten Stunden pro Jahr käme man bei nur 500.000 Nutzern auf über 11.000 Stunden pro Kopf – das sind 458 Tage im Jahr, was selbst nach dem gregorianischen Kalender physikalisch unmöglich ist.

Verbotene Inhalte unter den neuen Regeln

Tier 1-Plattformen sind gesetzlich verpflichtet, Inhalte zu entfernen, die:

  1. Zu Gewalt oder Hass gegen geschützte Gruppen aufstacheln.
  2. Straftatbestände nach dem Terrorism Act 2006 erfüllen (Verherrlichung von Terrorismus).
  3. Gegen Vorschriften zur Bekämpfung von sexuellem Missbrauch von Kindern oder Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verstoßen.

Zudem müssen alle Videos entfernt werden, die keine britische Alterseinstufung erhalten würden oder deren Einstufung über R18 hinausginge (verbotenes Material).

Jugendschutz und die „R18“-Problematik

Creating a Safer World von Baroness Bertin, auf Anordnung des Unterhauses am 27. Februar 2025 gedruckt (PDF). Siehe auch die Pressemitteilung der BBFC vom 27. Februar 2025.

Plattformen müssen den Zugang für Unter-18-Jährige zu „besonders eingeschränktem Material“ verhindern. Dies umfasst Videos mit einer R18-Einstufung der BBFC.

  • Wichtig: „18“ ist nicht gleich „R18“. Während Serien wie High School DxD als „18“ eingestuft werden, fallen einige Hentai-Titel unter „R18“ oder sind aufgrund ihrer Inhalte gänzlich nicht einstufbar.
  • Physisches R18-Material darf im Vereinigten Königreich nur in lizenzierten Sexshops verkauft werden.

Der Streamer OceanVeil, der solche Grenzinhalte anbietet, lässt bereits keine Registrierungen aus dem Vereinigten Königreich mehr zu.

Was bedeutet „Beeinträchtigung der Entwicklung“?

Der Begriff der Inhalte, die die Entwicklung von Minderjährigen beeinträchtigen könnten, ist vage. Laut der Regulierungsbehörde Ofcom könnte dies Folgendes umfassen:

  • Pornografie und selbstschädigendes Verhalten (z. B. Essstörungen, Suizid).
  • Inhalte, die psychische Belastungen wie Depressionen oder soziale Isolation fördern.
  • Aggressionen, Hate Speech und Cybermobbing.
  • Manipulative Algorithmen oder Designs, die auf Unter-18-Jährige abzielen.

Durchsetzung und Strafen

Es wird eine 12-monatige Übergangsfrist geben. Der neue Verhaltenskodex (Standards Code) wird voraussichtlich im Winter 2026 veröffentlicht und ab Winter 2027 durch die Ofcom erzwungen.

Sollte eine Plattform gegen den Kodex verstoßen, kann die Ofcom:

  1. Die Einstellung oder Einschränkung bestimmter Programme fordern.
  2. Verpflichtende Korrekturen oder öffentliche Stellungnahmen verlangen.
  3. Geldstrafen von bis zu 5 % des Umsatzes oder 250.000 £ verhängen (je nachdem, welcher Betrag höher ist).

Fazit: Ein Wendepunkt für das Anime-Streaming

Die Einstufung von Crunchyroll als „Tier 1“-Dienst markiert das Ende einer Ära der regulatorischen Narrenfreiheit für spezialisierte Streaming-Plattformen im Vereinigten Königreich. Während Branchenriesen wie Netflix bereits ähnlichen Standards unterliegen, stellt die strikte Anwendung des Media Act 2024 Crunchyroll vor enorme logistische und inhaltliche Herausforderungen:

  1. Massive Investition in Barrierefreiheit: Die Quote von 80 % Untertiteln und insbesondere die Vorgaben für Audio-Deskription und Gebärdensprache erfordern erhebliche Investitionen in den riesigen, oft nischigen Katalog der Plattform.
  2. Inhaltliche Zensur und Jugendschutz: Die vagen Definitionen zu Inhalten, die die „sittliche Entwicklung“ beeinträchtigen könnten, sowie die strikte Handhabung von Material jenseits der R18-Einstufung, könnten dazu führen, dass Crunchyroll seinen Katalog in Großbritannien proaktiv bereinigt. Grenzwertige Ecchi-Titel oder explizite Darstellungen, die bisher in einer rechtlichen Grauzone existierten, stehen nun auf dem Prüfstand.
  3. Harte Sanktionen: Mit potenziellen Bußgeldern von bis zu 5 % des Umsatzes hat die Aufsichtsbehörde OFCOM ein scharfes Schwert in der Hand, das die Plattformen zu vorauseilendem Gehorsam zwingen könnte.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Britische Anime-Fans müssen sich auf eine sicherere, barrierefreiere, aber potenziell auch stärker gefilterte Streaming-Erfahrung einstellen. Während Dienste wie HIDIVE aufgrund ihrer geringeren Größe vorerst unter dem Radar fliegen, rückt der Mainstream-Anime-Markt endgültig in den Fokus der staatlichen Aufsicht.

Quelle: New requirements for UK’s biggest video-on-demand services (UK Government), Media Act 2024, Communications Act 2003

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Als Internet-Pionier hat Stefan die Online-Welt von Grund auf mitgestaltet. Seine Reise begann im zarten Alter von nur fünf Jahren, als er sich an den Computer seines Großvaters wagte, der ihm auch die Grundlagen von Datenbanken beibrachte. Das Programmieren brachte er sich mit 13 selbst. Heute gibt er sein umfassendes Wissen durch detaillierte Anleitungen, aufschlussreiche Reviews und fesselnde Artikel zum Retro-Computing weiter und lehrt anderen so die Kunst des Programmierens.

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